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~ Eine kleine Seite mit einigen kleinen Kurzgeschichten, wenn ich mal den Mut finde mehr als diese hier online zu stellen ~


Der Heldentot

Kein warmer Sonnenstrahl durchbrach die dunklen Wolken.
Im ganzen Abschnitt herrschte Stille, nur unterbrochen von den Schmerzens- und Hilferufe, derer die verwundetet in den verschlampten Granttrichtern lagen oder im Stacheldraht des Gegners hingen. Nur zwei mal am Tag gingen die Sanitäter auf das Schlachtfeld, so, wie mit dem feindlichen Kommandeur vereinbart. Früh am Morgen, um die Verwundeten der nächtlichen Angriffe zu bergen, und am Abend um die Verwundeten der täglichen Angriffe zu bergen.
Es begann wieder zu Regnen.
Ein leises, immer näher kommendes und lauter werdendes, Pfeifen ertönte und die Schreie wurden ängstlicher, panischer, verzweifelter.
Eine laute Explosion.
Das Flehen nach Hilfe, derer die auf dem Schlachtfeld lagen, wurde abrupt weniger.
Die Granate war vor ihrem Schützengraben eingeschlagen und hatte einige der Hilflosen „erlöst“.Wieder ertönte das Pfeifen, doch dieses Mal zahlreicher und schneller. Das Flehen und Heulen, der Todgeweihten(?) in den Bombentrichtern wurde eindringlicher, lauter, es war von Verzweiflung und Todesangst erfüllt.
Klaus drückte seinen abgemagerten und mit Läusen verseuchten Körper dicht an die Schlammwand des Schützengrabens. Zusammen gekauert, wie die andern Soldaten, lag er im Graben. Mit seinen Händen drückte er seine Koppel auf seinen Kopf, zum Schutz vor Splittern. Dabei legte er seine Unterarme auf seine Ohren um die verzweifelten Rufe seiner Kameraden nicht mehr zu hören.
Eine Welle von Explosionen.
Wieder schrieen weniger.
Wenigstens vertreibt es die Ratten.
Klaus lächelte, keine Ratten. Unwillkürlich musste er an zu Hause denken. An seine Mutter, seinen Vater, an seine Geschwister. Wie sie alle am Tisch saßen und gemeinsam aßen, ohne das er mit Ratten um das Essen kämpfen musste.
Neue Explosionen.
Die Granaten schlugen nun dichter ein, näher an ihrem Graben. Staub und Schlamm spritze ihm auf die verschlissene Uniform. Er versuchte sich noch mehr zusammen zukauern, sich noch dichter an die Wand des Grabens zu drücken.
Der Regen tropfte auf seine Stahlkoppel und lief an ihr herunter. Langsam füllten sich die Pfützen im Graben mit neuem Wasser.
So plötzlich wie der Granatbeschuss anfing, so plötzlich endete er nun.
Klaus löste sich langsam von seiner Wand. Er nahm seine Koppel ab und streckte sein unrasiertes Gesicht dem Regen entgegen. Er hatte seit Wochen kein Bad mehr nehmen können.
Er öffnete seinen Mund um einige der Regentropfen aufzufangen und zu trinken. Seit Tagen gab es kein anständiges Trinkwasser mehr. Sie stahlen es von den Gefallenen oder Verwundeten. An einigen Tagen blieb ihnen nichts anderes als das Wasser der Pfützen zutrinken. Verseucht mit ihrem eigenen Urin und Kot.
Klaus drehte seine Koppel auf den Kopf und versuchte die Regentropfen in ihr zusammeln.
Wieder dachte er an zu Hause.
Mutters Geburtstag, kurz vor diesem Wahnsinn. Alle Freunde und Bekannte waren da, es war eine große Feier. Jeder trank und aß soviel er konnte. Es wurde viel gelacht.
Lachen.
Kannte er dieses Geräusch eigentlich noch?
Hier im Graben wird nie gelacht.
Ein Pfiff. Lautes Wutgeschrei.
Der Gegner lief wieder gegen ihre Stellung an. Die Maschinengewehre begannen mit ihrem tödlichen Werk und ratterten unaufhörlich und zerstörten wieder aufs Neue Leben.
Heldentode!
Nach einigen Minuten war alles vorbei. Nur die Schreie der Verwundeten wurden wieder zahlreicher und intensiver.
Bis zum nächsten Grantangriff. Klaus schüttelte kurz den Kopf.
Wieder ein Pfiff, doch dieses mal galt er ihnen. Es war das Zeichen zum Sammeln.
Dieses mal greifen wir also wieder an.
Schnell trank er die paar Tropfen Regenwasser, die er aufgefangen hatte, setzte seine Koppel wieder auf und nahm sein Gewehr zur Hand. Dann sprang er auf und lief durch die Pfützen des Grabens zu seinem Befehlsstand, vorbei an anderen Soldaten, die nachdenklich und verschlossen auf dem Boden saßen, und deren Blicke ins Leere ging.
Nichts mehr war zu spüren von der Begeisterung der ersten Kriegstage, in denen alle den Weltenbrand als Erlösung feierten. Sie war der Realität des Todes gewichen.
Einer Realität in der das Sterben kein Heldentum, sondern eine grausame, barbarische Art des Todes war.
Wieviele werden heute sterben?
Eine Frage, die sich unwillkürlich in Klaus aufdrängte als er die leeren, schon aphatischen(?) wirkenden Blicke seiner Kameraden am Befehlsstand sah.
Fast unbemerkt stellte sich er sich zu ihnen.
Sein Kamerad neben ihm sah ihn kurz an. Beide nickten sich zu. Sie kannten sich schon seit der Schule.
Damals haben wir uns alle gemeinsam, die ganze Klasse, freiwillig gemeldet. Heute leben nur noch wenige von uns.
Klaus Gesichtsausdruck blieb unverändert, doch in seinen Augen erschien die Trauer über all die toten Freunde. Über all die Trauer die ihr Tod ihren Müttern, Vätern und liebsten gebracht hatte.
Die ganze Klasse... all die Freunde, die nicht mehr sind.
Die tiefe Stimme des Offiziers, der den Tagesbefehl in ihre Richtung bellte, riss ihn aus seinen Gedanken.
Ein makaberes Bild. Wir, die mit allem abgeschlossen haben, stehen einem Offizier gegenüber, der nie den Tod wahr genommen hat.
Nachdem die Befehle ausgegeben waren begaben sich die Soldaten nach draußen in den Schützengraben. Keiner sprach etwas. Ihre Blicke gerieten wieder nur ins Leere und auf den Boden.
Klaus schaute zu seinem Kamerad, seinem Freund, der immer noch neben ihm stand.
Vor dem Krieg, als wir nur Freunde und keine Kameraden waren, als wir noch nicht wussten, was Krieg heißt, da klauten wir zusammen die Äpfel aus den Gärten unserer Nachbarn.
Sein Blick schweifte in die Ferne.
Heute scheint diese Zeit des Friedens unendlichweit weg.
Sie hatten Aufstellung genommen.
Zwei Reihen.
Die Schreie der Verwundeten und Sterbenden drang wieder zu ihnen.
Einige der Kameraden schauten zu Boden. Andere legten die Hand auf die Schultern des anderen um ihnen Trost und Hoffnung zu geben
Wieviele werden heute sterben?
Wieder drang sich dieser Gedanke in Klaus auf.
Der Granatbeschuss setzte ein. Dieses mal kam er von ihnen. Die Schreie derer die in den Granttrichtern langen wurden panischer, lauter, verzweifelter um schließlich abrupt zu verstummen.
Langsam senkte Klaus seinen Kopf.
Wann werde ich wohl unter ihnen sein?
Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Er blickte auf und schaute in das Gesicht seines Freundes. Sie sprachen kein Wort. Es war nicht nötig. Ihre Blicke genügte um zu wissen, was sie beide dachten.
Heldentode!
So plötzlich der Grantangriff begann, so plötzlich endete er.
Ein Pfiff! Das Zeichen zum Angriff.
Sie stürmten aus dem verschlampten Schützengraben heraus, sprangen über Stacheldraht und liefen in Richtung der feindlichen Linen.
Wutgeschrei und das Rattern der gegnerischen Maschinengewehre waren ihre einzigen Begleiter.
Schnell stürmten sie durch die Trichter in denen die Toten und Verwundeten lagen.
Jedes mal wenn sie auf einen dieser Armen traten entkam deren Kehlen ein letztes, verzweifeltes stöhnen.
Noch immer rannte Klaus weiter.
Die Wutschreie der Angreifer wurde langsam weniger, das der Verwundeten nahm wieder zu.
Das tödliche Werk der Maschinengewehre nahm Gestalt an.
Tod!
Bald schon war das tödliche Werk vollendet. Der Angriff war vorbei.
Einige der Verwundeten versuchten durch die Granttrichter zurück zu ihren Linen zu kriechen. Doch die meisten verließ die Kraft und sie blieben in ihnen liegen oder in dem Stacheldraht hängen.
Stille!
Nur die Todes- und Schmerzensschreie durchbrachen diese.
Es begann zu regnen.
Vereinzelt fielen Tropfen auf das Gesicht von Klaus.
Mit geöffneten Augen lag er in einem der Trichter auf dem Rücken.
Tod!
Getroffen von den Salven der Maschinengewehre.
Die Schreie um Hilfe der Verwundeten und Sterbenden waren wieder zahlreicher, bis zum nächsten Angriff.




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